04.09.2026
Bund Freier evangelischer GemeindenFeG-Gottesdienst | Abendmahl – wie können wir es feiern? | Teil 2
Die Kunst der „Überleitung“
Abendmahl – Wie können wir es feiern? | Teil 2
Das Abendmahl ist das Herzstück des Gemeindelebens. Doch wie kann es heute so gefeiert werden, dass seine Bedeutung und Wirkung neu erfahrbar werden? Arndt Schnepper verbindet biblische Grundlagen mit praxiserprobten Ideen für eine lebendige Glaubens- und Gemeinschaftsfeier.
Das „Abendmahl“ genießt in Freien evangelischen Gemeinden seit jeher eine besondere Bedeutung. Die Begründung hierfür ist sowohl biblisch als auch geschichtlich gegeben. So feierte Jesus Christus das erste Mahl gemeinsam mit seinen Jüngern und gebot ihnen, es nach seinem Tod weiterzutun. Das Abendmahl ist das, was wir gemeinhin ein „Gnadenmittel“ nennen. So wie sich unser Herr in Predigt, Gebet und Taufe mit uns verbindet, so geschieht dies auch im „Abendmahl“. Deshalb wird es in unseren Gemeinden auch als „Herrnmahl“ bezeichnet. Die gemeinsame Überzeugung ist: Hier wendet sich Jesus der versammelten Gemeinde in besonderer Weise zu.
Abendmahl ist FeG-Gründungsmerkmal
Die Bedeutung des Abendmahls hat aber noch einen historischen Grund: Die Abendmahlsfeier gilt bis heute als ein entscheidender Anstoß zur Gründung der ersten Freien evangelische Gemeinde in Deutschland. So vollzogen Hermann Heinrich Grafe und seine Freunde ihren Austritt aus der Reformierten Kirche mit der Einsicht, dass allein solche Menschen am Abendmahl teilnehmen sollen, die mit Mund und Leben Jesus bekennen.
Und so ist es auch noch heute: In Freien evangelischen Gemeinden ist das Abendmahl wie die Taufe nicht für alle Menschen bestimmt, sondern für solche, die an Christus glauben und ihren Glauben leben möchten. Wenn Bekehrung und Taufe den Anfang des Glaubens markieren, dann zielt das Abendmahl auf die Stärkung während der weiteren Glaubensreise. Oder wie man in den Schweizer FeGs sagt: „Bundesgenuss folgt auf Bundesschluss.“
Suche nach den richtigen Worten
Nun ist es das eine, biblisch begründete Überzeugungen zu haben. Etwas anderes ist es aber, diese auch öffentlich zu vertreten. Und so führt die Frage nach der Einleitung zum Abendmahl manchmal zu Kopfschmerzen. Schließlich wollen wir das Abendmahl so feiern, wie es biblisch geboten ist. Andererseits ist uns aber auch daran gelegen, dass wir niemanden unnötig brüskieren oder gar verletzen.
Die Frage ist also: Wie können wir unser Abendmahl so gestalten, dass der Charakter der Gemeindefeier auch von noch-nicht-Christen als attraktiv empfunden wird? Oder einfacher gesagt: Wie können wir beim Herrnmahl die Wahrheit mit der Liebe verbinden?
Blick zurück: zwei Gottesdienste
Bekannt ist, dass sich die allermeisten FeGs sonntags früher zu zwei Gottesdiensten trafen. Vormittags fand die
„Gemeindeversammlung“ statt. Hier wurde eine fortlaufende Bibelauslegung gepflegt und das Herrnmahl regelmäßig gefeiert. Die Konzentration lag ganz auf der Erbauung der Gemeinde. Wenn nun Gäste am Abendmahl teilnehmen wollten, baten diese um Erlaubnis beim Ältestenkreis.
Nachmittags lud die Gemeinde dann zu einer „Predigtversammlung“ ein. Diese besaß eine stärker missionarische Ausprägung. Diese Zweiteilung wurde vielerorts von den Anfängen in den 1850er-Jahren bis in die 1950er-Jahre praktiziert. So sah der FeG-Standard für mehr als hundert Jahre aus. Aus heutiger Sicht scheint dieses Modell sehr aufwändig. Es hatte aber den unbestreitbaren Vorteil, dass klar geregelt war, wer am Abendmahl teilnahm.
Zwischenstation: Gottesdienst mit zwei Hälften
Nach dem Krieg vollzog sich in vielen Gemeinden ein erheblicher Einschnitt in der Gottesdienstkultur. Man ging oft dazu über, die beiden Gottesdienste zusammenzulegen und vormittags zu begehen. Das geschah meist problemlos, solange der Schwerpunkt auf der Predigt lag. Die Gottesdienste mit Abendmahlsfeiern stellten sich allerdings als herausfordernd dar. Denn schließlich galt es, den Übergang von der öffentlichen Evangeliumsverkündigung zur gemeindebezogenen Abendmahlsfeier zu vollziehen.
Meist entschied man sich für eine Pause zwischen Predigtgottesdienst und anschließendem Herrnmahl. Wer nicht an der Mahlfeier teilnehmen wollte oder konnte, verließ die versammelte Gemeinde. Diese gut gemeinte Lösung konnte auf Dauer aber nicht recht überzeugen. Zum einen mutete es oft seltsam an, wenn einzelne Gäste die Gottesdienste vorzeitig verließen. Zum anderen nutzten auch etliche Mitglieder der Gemeinden die Unterbrechung, um früher aufzubrechen.
Situation heute: Gottesdienst mit Überleitung
Mittlerweile sind solche Gottesdienstpausen in unseren Gemeinden weitestgehend abgeschafft worden. An ihre Stelle sind die sogenannten „Überleitungen“ getreten. Hier formuliert die verantwortliche Person einen „Übergang“ vom bisher Geschehenen zur Mahlfeier. Die Kunst ist hier, die Einladung Jesu an die Schwestern und Brüder auszusprechen und gleichzeitig solche, die noch nicht zu Gottes Familie gehören, zu bitten, dies nicht zu tun. Unglücklich ist es meist, wenn die „Einladung“ unter der Hand zu einer „Ausladung“ wird. Das kann geschehen, wenn die Gründe zur Nichtteilnahme allzu stark in den Fokus gestellt werden.
Die Überleitung sollte daher vor allem eine Einladung zur Teilnahme darstellen – allerdings eine verbindliche. Das meint: Sie sollte eine Einladung sein, die ebenso zu Selbsteinschätzung und Selbstprüfung anregt. So soll bei aller Wärme auch die Möglichkeit gegeben werden, ohne Gesichtsverlust nicht teilzunehmen. Wie kann das gelingen? Zwei Elemente gehören hier zusammen: die eigentliche „Überleitung“ und die sogenannten „Einsetzungsworte“.
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Erstes Überleitungsbeispiel: die Besonderheit der Feier hervorheben
Hier leite ich zum Abendmahl über, indem ich mich auf die Besonderheit der Feier beziehe. Dies kann ich tun, indem ich etwa die Vergebung der Sünden hervorhebe, auf die das Mahl sinnbildlich hinweist. So ließe sich etwa sagen: „Wir feiern nun das Abendmahl. Wir sagen: Das Abendmahl ist für alle, die mit Jesus Christus leben. Wer nicht mit Christus lebt, lässt einfach Kelch und Brot an sich vorbeigehen. Wenn wir uns also gleich gegenseitig Kelch und Brot reichen, dann wird es unter uns wieder lebendig, was wir vorhin in der Predigt hörten: Jesus hat für uns gelitten, sein Leben am Kreuz gelassen und ist auferstanden. Das alles tat er für uns, damit unsere Sünden vergeben werden. Durch seine Gegenwart verbindet er uns neu mit Gott. Wenn wir Kelch und Brot nehmen, bekennen wir: Jesus, ich brauche deine Vergebung – du bist mein Retter und mein Herr.“
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Zweites Überleitungsbeispiel: Gedanken der Predigt weiterführen
In diesem Fall könnte ich einen wichtigen Gedanken der Predigt aufgreifen und weiterführen. Wenn etwa die Gemeinde einen bedeutsamen Punkt bildete, ließe sich sagen: „Miteinander feiern wir nun das Abendmahl. Wir sind überzeugt: Dieses Mahl ist das Mahl der Gemeinde. Alle, die Jesus Christus nachfolgen, sind dazu eingeladen. Wer nicht mit Christus lebt, reicht Kelch und Brot einfach weiter. Im Abendmahl erleben wir immer wieder, dass wir mit Christus und miteinander verbunden sind. Im Mahl des Herrn werden wir eins mit Jesus Christus. Wir sind aber dadurch auch verbunden mit der weltweiten Gemeinde. Ja, wir erfahren auch die Gemeinschaft mit dem himmlischen Gottesdienst und stimmen in den Lobgesang der Engel ein. Unser Herr geht durch unsere Reihen und schenkt uns seinen Segen.“
Alle Einsetzungsworte gebrauchen
Als „Einsetzungsworte“ bezeichnet man gewöhnlicherweise solche Textpassagen des Neuen Testaments, die von der Einsetzung des Abendmahls durch Jesus berichten. Dazu gehören die Überlieferungen der Evangelisten (Matthäus 26,26–28; Markus 14,22–26; Lukas 22,19–20) sowie die Aussagen von Paulus (1. Brief an die Korinther 11,23–28). Sie folgen in der Regel als Lesung – möglichst aller – auf die Überleitung.
War es nun früher in Freien evangelischen Gemeinden eher üblich, die Überlieferung von Paulus zu gebrauchen, so gibt es mittlerweile Gemeinden, die sich nur noch auf die Evangelisten beziehen. Ich denke, beide Lösungen bilden eine Schieflage. Wichtig ist, dass das gesamtbiblische Zeugnis zu Wort kommt. Und das bedeutet heute, eben auch Paulus aufzugreifen, der konkret zur Selbstprüfung und Selbsteinschätzung auffordert (1. Korinther 11,27–28).
Nicht eng, sondern ehrlich
Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mich als junger Pastor schwer tat, die beiden Momente von Einladung und Selbstprüfung auf den Punkt zu bringen. Schließlich wollte ich unbedingt einladen und niemanden ausladen!
Später stellte ich fest, dass eine verbindliche und aufrichtige Einladung auch ihre Stärken besitzt. Denn diese Überzeugung entspringt ja nicht einem kleinlichen und engherzigen Verständnis von Gemeinde. Vielmehr möchten wir Gott und die Menschen ernst nehmen. Wir sollten niemanden zum Christen erklären, der es nicht ist. Diese Ehrlichkeit kann für Menschen sehr anziehend sein.
Abendmahl neu entdecken
In manchen Gemeinden kann es vielleicht dran sein, mit Predigt oder Bibelarbeit das Abendmahl neu zu entdecken. Wie viel geht Gemeinden verloren, wenn bloß ein Zweidrittel oder gar nur die Hälfte der Gemeindeglieder am gottesdienstlichen Abendmahl teilnehmen! Und wie lähmend können Routine und Gewöhnung wirken.
Schließlich werden doch im Mahl des Herrn die Schönheit und die Kraft des Evangeliums auf unnachahmliche Weise sichtbar. Möglicherweise stellt das Herrnmahl einen Weg dar, wie eine Gemeinde neu erblühen kann.
Dr. Arndt E. Schnepper | Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach | th-ewersbach.de
Dieser Artikel erschien zuerst in der FeG-Zeitschrift Christsein Heute.
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