Wie ein großes Mosaik Gottes

Seit Mittwoch vergangener Woche tagt die 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Karlsruhe. Parallel und in Verbindung mit diesem Welttreffen gibt es fast unübersichtlich viele Angebote, Treffen und Veranstaltungen. Eines davon ist »GETI«. Die Abkürzung steht für Global Ecumenical Theological Institute, also Globales Ökumenisches Theologie-Institut.

Junge Leute prägen, um Kirche und Gesellschaft zu gestalten

In unregelmäßigen Abständen bietet das ÖRK diese Form ökumenisch-theologischer Weiterbildung im Zusammenhang mit größeren ökumenischen Veranstaltungen an. Eingeladen dazu sind bis zu zweihundert junge Leute bis zum Alter von 35 Jahren aus allen Teilen der Welt und aus allen Denominationen. Sie müssen Theologie studiert haben oder noch studieren oder im kirchlichen Kontext arbeiten.

Die Weiterbildung besteht aus einem vierwöchigen Vorkurs via Internet und daran anschließend die zweiwöchige Präsenzphase am Veranstaltungsort eines internationalen ökumenischen Treffens. Ziel ist, junge Leute für die ökumenische Idee zu begeistern. Sie sollen dahingehend gestärkt werden, dass sie sich im lokalen, regionalen und globalen Kontext zu motivierten Führungspersönlichkeiten entwickeln. So können sie die Kraft des ökumenischen Miteinanders weitertragen und auf diese Weise in Kirche und Gesellschaft zu positiven Entwicklungen beitragen. Auch aus der Evangelisch-methodistischen Kirche sind junge Leute mit dabei. Drei davon, Tavis Donta Tinsley aus den USA sowie Almuth Zipf und Felix Süß aus Deutschland geben Anteil an ihren Erfahrungen.

Leidenschaft für den Dialog

Die beiden Deutschen hatten erst sehr kurzfristig von diesem Angebot erfahren, sodass gar nicht viel Zeit blieb, sich richtiggehend sachkundig zu machen und anzumelden. »Ich wusste nicht wirklich, was auf mich zukommt«, erklärt der in Aue aufgewachsene Theologiestudent Felix Süß, die ihm überraschend angebotene Teilnahme an dem Programm. Inzwischen beschreibt er die Begegnungen mit den über hundert anderen jungen Leuten als »eine beeindruckende Erfahrung«.

Auch für Almuth Zipf haben die wenigen Tage schon genügt, um die »Horizonterweiterung« als bereichernd zu empfinden. Zipf ist bereits als Pastorin im Gemeindedienst im östlich von Stuttgart gelegenen Plochingen. Sie habe erstmalig eine so »große Bandbreite theologischer Ausrichtung« erlebt, aber erkannt, wie das jeweils mit den Lebenskontexten der jungen Leute aus aller Welt verbunden sei. »Das war mir neu«, beschreibt Zipf diese Erfahrung und ergänzt sofort: »Das ist aber richtig klasse!«

Tavis Tinsley lebt in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia und sagt von sich selbst: »Ich habe eine Leidenschaft für den Dialog und die Erarbeitung von Lösungen für Probleme, die nur in ihrem jeweiligen Kontext zu verstehen sind.« Da überrascht es nicht, dass der 27-Jährige sich in einer Ausbildung für therapeutische Seelsorge befindet. Die offene, dialogische Form ökumenischen Miteinanders sei dafür eine ideale Ergänzung. »GETI ist dafür eine perfekte Adresse!«, erklärt Tinsley sein sofortiges Interesse, als er auf dieses ökumenische Studienprogramm aufmerksam gemacht wurde.

Beziehungen verändern Perspektiven

»Es ist fast wie eine Entfesselung der Gedanken, was hier geschieht«, beschreibt die 32-jährige Zipf ihr Erleben in den Tagen von Karlsruhe. Sie sei eigentlich sehr akademisch geprägt aufgewachsen. Im Rahmen des Programms werde Theologie mit konkreten Fragestellungen aktueller kirchlicher, gesellschaftlicher und globaler Herausforderungen verknüpft und konsequent unter den jeweiligen Lebenskontexten unterschiedlicher Kulturen und Religionen betrachtet. »Das ist etwas völlig anderes, als ein Buch zu lesen.« Die Beziehungen mit jungen Menschen aus der ganzen Welt seien »etwas ganz anderes, weil ich von der Person deren Lebensumstände erfahre«. Das führe zu einem viel größeren Bild. Wenn die Kirchen sich dafür öffneten, würden sie nicht mehr so viel über die eigenen Probleme nachdenken, sondern sich auf das größere Ganze einlassen, ist Zipf überzeugt.

Süß, der an der Theologischen Hochschule Reutlingen studiert, nimmt aus den Begegnungen auch die »schmerzhaften Erlebnisse«, die etliche Teilnehmer auf Grund ihres Glaubens erlitten. Die Freiheit und die völlig sichere Umgebung in Deutschland sähen diese jungen Leute umso mehr »als großes Privileg« an. »Hier zu leben, den Glauben frei leben zu dürfen, Versammlungen und Gottesdienste in Freiheit gestalten zu können, ist für diese Menschen etwas ganz Besonderes«, erlebt der 28-Jährige in den direkten Kontakten. »Und uns zeigt es, was der Glaube Christen in anderen Ländern abfordert.«

Die Begegnung mit anderen Menschen und das aufrichtige Interesse aneinander verändere die Perspektive auf viele Fragen und Themen. Diese Erfahrung wolle er auch in seine spätere Gemeindearbeit integrieren: »Ich werde viel mehr für meine Glaubensgeschwister in der Ferne da sein.« Er werde das sowohl im Gebet als auch ganz praktisch umsetzen und dafür auch die Gemeinde sensibilisieren.

Aufrichtiges Zuhören ist wichtig

Der US-Amerikaner Tinsley gibt noch eine ihn fast überfordernde Erfahrung preis. »Dass viel Themen, über die wir sprachen, noch viel mehr zusammenhängen und gegenseitige Wechselwirkungen haben als ich dachte, war mir in dieser Tragweite so nicht bewusst«, gibt er zu. Das sei manchmal »fast erdrückend« gewesen. Die vielen Querverbindungen und Zusammenhänge könnten nur bewältigt werden, wenn sich eine Person einer einzelnen Aufgabe stelle und sich dafür einsetze. »Wenn du meinst, dich überall engagieren zu müssen, überforderst du dich.« Hier spricht bereits der künftige Therapeut, der weiß, dass Selbstbeschränkung nötig ist.

Für seine therapeutische Ausbildung nehme er auch mit, »dass die persönliche Weltsicht der einzelnen Menschen aus grundlegenden Erfahrungen herrühren«. Die Perspektive auf das Leben speise sich aus dem, wie Menschen aufgewachsen seien, aus welcher Familie sie stammten oder wie mit Konflikten umgegangen werde. Das ergebe einen differenzierten Blick auf die Lebenseinstellungen, die Menschen mit sich herumtragen. »Mir hat das noch einmal deutlich gemacht, wie wichtig aufrichtiges und aktives Zuhören ist, und wie wichtig es ist, Menschen das Gespräch zu erleichtern.«

Die Kraft des Gesprächs

Auch die Plochinger Gemeindepastorin ist inspiriert für die Arbeit in ihrer Gemeinde. Sie habe »eine bereichernde Vielfalt« kennengelernt, »die mir wie ein großes Mosaik Gottes erscheint, eine geradezu unbeschreibliche Vielfalt Gottes«. Deshalb wolle sie künftig viel mehr darauf achten, »in der Gemeinde verschiedene Stimmen einzubeziehen«. Außerdem habe sie das aus der Kultur im pazifischen Raum stammende Gesprächsprinzip »Talanoa« begeistert.

Diese traditionelle Gesprächsform achte darauf, dass Gespräche ohne Konfrontation stattfänden. Die Menschen erhielten Zeit, um ihre Erfahrungen zum vorliegenden Thema oder Problem einzubringen. Dann suchten sie miteinander nach der Lösung, die das gemeinsame Wohl zum Ziel hat. »Ich habe die Kraft des Gesprächs und der persönlichen Lebensgeschichten bisher unterschätzt«, gibt Zipf zu. »Wenn wir das miteinander lernen, wird das die Gemeinschaft untereinander und die Art wie wir andere willkommen heißen, verändern«, ist die Pastorin zuversichtlich.

Eine perfekte Adresse

Allen dreien ist abzuspüren, dass zwei Wochen mit anderen jungen Menschen aus aller Welt ihr Leben bereichert und verändert haben. Zu wünschen ist ihnen, dass es ihnen gelingt, diese Erfahrungen in ihre Umgebung hineinzutragen und andere dafür zu gewinnen. Wenn das gelänge, war »GETI« wirklich »die perfekte Adresse«.

 

Weiterführende Links

Information zum GETI-Programm
Ökumenische Theologie-Ausbildung
Junge Theologinnen und Theologen beginnen Erkundung von Grenzen, Versöhnung und Einheit

Informationen zu Angeboten der EmK im Rahmen der ÖRK-Vollversammlung

Mehr erfahren (externer Link)

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