25.05.2024
Evangelisch-methodistische Kirche»Nicht du trägst die Wurzel«
Zwischen Geschwistern gibt es immer mal Gerangel und Eifersüchteleien. So weit, so normal. Das Verhältnis von jüdischer und christlicher Glaubensgemeinschaft, von Synagoge und Kirche könnte geschwisterlich sein – war aber spätestens vom 4. Jahrhundert an extrem verschieden. Hier eine unter alle Nationen verstreute jüdische Gemeinschaft, dort eine dominant auftretende Christenheit, die sich als das »neue Israel« verstand und Gottes Heil allein für sich reklamierte. Einen Austausch auf Augenhöhe zwischen Christen und Juden gab es durch all die Jahrhunderte nie; echte Begegnung auch nicht – bis ins 20. Jahrhundert hinein.
Viele Christen wissen wenig über den Glauben der Juden. Vielen ist auch nicht bewusst, wie tief die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens reichen. Zwar wird heute kaum jemand offen die absurde These vom »Gottesmord« vertreten, wonach »die Juden« für den Verbrechertod Jesu am Kreuz verantwortlich sein sollen. Aber judenfeindliche Denkmuster sind auch in christlichen Gemeinden verbreitet. Zugleich gibt es dort auch das Gegenteil: echtes Interesse am Judentum. Manchmal regelrechte Israel-Begeisterung, die aber leicht enttäuscht werden kann. Denn der 1948 neu gegründete, säkulare Staat Israel ist eben nicht identisch mit dem biblischen Bundesvolk Israel. Wie dessen Geschichte nach der Trennung von Synagoge und Kirche weiterging, das hat die Christenheit allzu lange nicht wirklich interessiert.
Dabei haben Christen allen Grund, sich mit dem jüdischen Glauben zu beschäftigen. Jesus war Jude. Seine Lehre ist herausgelöst aus dem Judentum kaum zu verstehen. Seine Anhängerschaft bestand anfänglich fast ausschließlich aus Jüdinnen und Juden. Jesus war zunächst einmal der Messias Israels – und ist zum Heiland der Welt geworden, denn er hat auch bei Menschen aus den heidnischen Völkern Glauben gefunden und Glauben geweckt.
Antisemitismus in alter und neuer Zeit trifft immer auch den Juden Jesus und seine Jüngerschaft. Dietrich Bonhoeffer hat schon 1932(!) vor evangelischen Theologen gesagt: »Wer nicht für die Juden schreit, darf nicht gregorianisch singen.« Dass die Christen und die Kirchen in den folgenden Jahren mehrheitlich stumm blieben, das hat ihr Zeugnis verdunkelt und bloßgestellt.
Heute sind antisemitische Denkmuster und Vorbehalte immer noch weit verbreitet, machen sprachlos und ratlos. Erst recht herrscht Ratlosigkeit angesichts der unseligen Allianz völlig gegensätzlicher Gruppierungen, deren gemeinsamer Nenner die irrationale Abneigung gegen Juden ist und Hass auf den Staat Israel: Rechtsextreme, Islamisten, Linksextreme, woke Antirassisten überbieten sich gegenseitig in unhaltbaren Vorwürfen, nehmen Menschen jüdischen Glaubens in Haftung für alles, was im Heiligen Land passiert. Sie legen dabei doppelte Maßstäbe an und leugnen oder relativieren die Verantwortung der Hamas für das Massaker vom 7. Oktober 2023.
Was ist angesichts dieser Situation gefordert, was können christliche Gemeinden und einzelne Gläubige tun? Fünf Vorschläge: 1. Sich selbst und andere informieren und dabei die Quellen gewissenhaft prüfen. 2. Das Gespräch mit jüdischen Menschen suchen, Kontakt zu jüdischen Gemeinden knüpfen. 3. Antisemitischen Äußerungen und Handlungen entschieden entgegentreten. 4. Die Evangelien aufmerksam lesen und Jesus als den Juden wahrnehmen, der er eben auch war. Dadurch sprachfähig werden. 5. Bewusster und selbstbewusster glauben.