Bundesrats-Forum: 15 Jahre Sichere Gemeinde

Eines der Bundesrats-Foren am Nachmittag des Himmelfahrtstages drehte sich um „Sichere Gemeinde“. Es war nicht nur eine Rückschau auf 15 Jahre Präventionsarbeit mit der Kampagne „Auf dem Weg zur sicheren Gemeinde“, sondern schenkte den Teilnehmenden auch die Möglichkeit zu einem Ausblick. Gemeinde-Redakteur Wolfgang Günter berichtet, wie er das Forum erlebt hat.

Drei Schritte wurden den Zuhörerinnen und Zuhörern vorgestellt: Prävention, Intervention und Aufarbeitung. Anna Eberbach als Gastgeberin moderierte und stellte Pastorin Anja Bloedorn als Anwältin des Publikums vor, die später Fragen und Ideen der Teilnehmenden aufgriff. Diese wurden an GJW-Referent Jason Querner und an Verfahrensbegleiter Reinhard Herrmann zur Weiterarbeit übergeben. Zwischen den einzelnen Teilen sorgte Robin Zabel am Digitalpiano für Musik, die dazu ermunterte, eigenen Gedanken nachzuhängen. 

Im ersten Impulsreferat nahm uns Jason Querner zunächst in die Anfangszeit hinein. 2009 war sexualisierte Gewalt an Kindern noch kein Gesprächsthema, weder in der Gesellschaft noch in unseren Gemeinden. Doch es gab sie – man redete nur nicht darüber. Das GJW nahm dabei eine Vorreiterrolle ein und veröffentlichte Konzepte und Schulungsmaterial noch vor den anderen Kirchen – und zwar so gutes und hilfreiches, dass manches von anderen kopiert wurde. Ein Zeichen dafür, dass wir auf einem guten Weg sind. 

Zwei Dinge stellte Jason Querner als besonderes Problem heraus: erstens unserer kongregationalistische Struktur, die vieles Gute mit sich bringt, auf der anderen Seite aber verhindert, dass man einer Gemeinde irgendetwas vorschreiben könnte – und sei es auch im Dienst einer guten Sache. Deshalb ist hier besonders die Leitungsebene jeder Gemeinde gefragt, die aktiv Strukturen und Regeln schaffen kann, um sexualisierter und anderen Formen von Gewalt möglichst früh einen Riegel vorzuschieben. 

Zweitens wird ein großer Teil der Gemeindearbeit von Ehrenamtlichen getragen. So gut das ist, hat es doch eine Kehrseite, dass nämlich Mitarbeitende häufig wechseln und damit Wissen verlorengeht. 

Noch einmal ein Rückblick: Geblieben ist der Verhaltenskodex, der in den fünfzehn Jahren kaum verändert worden ist und der von allen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, unterschrieben werden soll. 

Zum Schluss stellte Jason Querner noch eine These vor:

Das Präsidium unseres Bundes möge über die aktuellen Kapazitäten in den verschiedenen GJWs hinaus zentral eine Person zu Fragen des Kinderschutzes und der Gewaltprävention im BEFG anstellen.

Denn einerseits sehen wir, dass die personellen Kapazitäten erschöpft sind, andererseits bewirkt Prävention, dass es zu Veränderung kommt. 

Als zweiter Referent kam Reinhard Herrmann von der unabhängigen Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt im BEFG zu Wort. Er schilderte, wie die Intervention aussieht, wenn es in einer Gemeinde zu Übergriffen kommt. Am Anfang steht ein Gespräch mit der betroffenen Person. Die Verfahrensbegleitung nimmt, wenn von der betroffenen Person gewünscht, Kontakt zur Leitung der involvierten Gemeinde auf, informiert darüber, dass es eine Meldung gab und vereinbart einen Gesprächstermin. In diesem Gespräch kommen Einzelheiten und Namen zur Sprache. Welche Informationen weitergegeben werden dürfen, entscheidet die betroffene Person. Der weitere Weg kann ganz unterschiedlich aussehen, abhängig zum Beispiel davon, ob die Taten schon lange zurückliegen oder gerade passiert sind und der Täter noch in der Gemeinde ist. 

Es ist es wichtig, dass Betroffene gehört werden und ihnen geglaubt wird. Denn oft haben sie schon einen langen und schmerzhaften Weg hinter sich, und die Anlaufstelle ist häufig schon ihr fünfter oder sechster Versuch, Hilfe zu finden. Ganz wichtig: die Täter/ Täterinnen müssen gehen, die Betroffenen sollen bleiben. 

Wie geht es weiter? Am 10 April 2024 hat die Mitgliederversammlung der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) über ein Konzept für gemeinsame Standards und zur Einrichtung einer Anlaufstelle für Freikirchen entschieden. Die Mehrzahl der Mitglieder wird teilnehmen, einige sind aktuell noch in der Klärungsphase, da sie zum Beispiel auch eigene Anlaufstellen besitzen.

Zum Schluss stellte Reinhard Herrmann seine These vor, über die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ebenfalls abstimmen konnten:

Wir begrüßen, dass die Anlaufstelle erweitert wurde für alle Personen, die von sexualisierter Gewalt in unserem Bund betroffen sind. Das Forum „15 Jahre Sichere Gemeinde“ spricht sich dafür aus, dass die Anlaufstelle auf alle Formen der Gewalt ausgeweitet wird.

Denn es gibt in unseren Gemeinden nicht nur sexualisierte, sondern auch andere Formen von Gewalt. 

Für den dritten Schritt, die Aufarbeitung, gab es keine Referentin oder Referenten aus unseren Reihen. Das macht eine schmerzliche Lücke deutlich, denn dieser dritte Schritt ist unbedingt notwendig. Dazu gab es auf dem Bundesrat zwei Anträge, die später verhandelt wurden. Aus dem Publikum wurden Äußerungen von Betroffenen verlesen, die der EKD-Aufarbeitungsstudie (ForuM) entstammten, und die Zuhörer und Zuhörerinnen sichtlich anrührten. 

Die These lautete demzufolge:

Gute Präventionsarbeit ist auf Aufarbeitung angewiesen. Das Forum „15 Jahre Sichere Gemeinde“ spricht sich für einen konsequenten und ganzheitlichen Umgang mit Gewalt und Machtmissbrauch aus. Das Präsidium möge Möglichkeiten zur Aufarbeitung entwickeln. 

Die Teilnehmenden sprachen sich mit deutlicher Mehrheit für die Annahme dieser Thesen aus.

Eine Dokumentation der Beiträge finden Sie auf der Seite des GJW

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