Mennoniten
07.08.2020, von mennonews.de

Interreligiöse Erklärung zum 75. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki

 

 

 

 

 

Zum Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und Nagasaki, sprechen Glaubensgruppen in aller Welt mit einer Stimme, “die die existenzielle Bedrohung der Menschheit durch Atomwaffen ablehnt”. Die gemeinsame interreligiöse Erklärung wurde von 189 Organisationen unterzeichnet, darunter die Mennonitische Weltkonferenz und Church and Peace.

 

 

 

Die Unterzeichner “fordern unsere Regierungen nachdrücklich auf, die Gelegenheit des 75. Jahrestages des einzigen Einsatzes von Atomwaffen in einem Konflikt zu nutzen, um sicherzustellen, dass sie unter keinen Umständen mehr eingesetzt werden.” Sie rufen zudem “alle Staaten auf, sich der wachsenden Gemeinschaft von Staaten anzuschließen, die Atomwaffen vollständig abgelehnt haben”.

 

 

 

Die Erklärung im Wortlaut

 

 

 

Als umfassende Vereinigung von Glaubensgemeinschaften aus der ganzen Welt haben wir uns verpflichtet, mit einer Stimme zu sprechen, die die existenzielle Bedrohung der Menschheit durch Atomwaffen ablehnt. Wir bekräftigen erneut, dass das Vorhandensein auch nur einer einzigen Atomwaffe gegen die grundlegenden Prinzipien unserer verschiedenen Glaubenstraditionen verstößt und alles, was uns lieb und teuer ist, durch unvorstellbare Zerstörung bedroht. Kernwaffen sind nicht nur ein Risiko für die Zukunft, ihr Vorhandensein hier und jetzt untergräbt auch die ethischen und moralischen Grundlagen des Gemeinwohls. Wir fordern Ihr Engagement für eine friedlichere, sicherere und gerechtere Welt – eine Welt, die nur mit der Abschaffung von Atomwaffen möglich ist.

 

 

 

Im August 2020 jährt sich zum 75. Mal der Tag der nuklearen Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki, bei denen diese Städte verwüstet wurden und die bis Ende 1945 an die 213.000 Todesopfer und in den folgenden Jahren noch viele weitere forderten. Die Angriffe fügten sowohl den Menschen als auch der Umwelt unerträglichen Schmerz und fürchterliches Leid zu.

 

 

 

Wir sind dankbar für die Hibakusha (die Überlebenden) auf der ganzen Welt, die mutig Zeugnis ablegen, oft trotz aller Einschüchterungen und trotz der wiederkehrenden Tragödie von Verlust und Krankheit. Wir müssen dem Mut der Überlebenden mit unserem eigenen Mut begegnen. Wir müssen die Atomwaffen für immer abschaffen.

 

 

 

Wir beklagen den Rassismus und den Kolonialismus, die die Kernwaffenstaaten dazu getrieben haben, ihre Waffen an Gemeinschaften zu testen, die sie für entbehrlich hielten, an Leben, die weit weg von ihren eigenen waren, Leben, die sie für weniger wichtig hielten, Leben, die im Streben nach der zerstörerischen Macht für einige wenige genommen wurden. Wir sind uns des unermesslichen Leids, der Unterdrückung und Ausbeutung bewusst, der die indigenen Gemeinschaften auf der ganzen Welt ausgesetzt sind, deren Körper, Land, Wasser und Luft als Testgelände für die Ambitionen derer gedient haben, die mit Gewalt herrschen.

 

 

 

Nur wenige, die an die verlogene Vorstellung von nuklearer Abschreckung glauben, haben die Verwüstung durch diese Waffen in ihren eigenen Gesellschaften mit ansehen oder miterleben müssen. Nach fünfundsiebzig Jahren können wir feststellen, dass Atomwaffen dem Krieg kein Ende bereitet haben. Atomwaffen schaffen keinen Frieden, sondern verschärfen vielmehr die Geißel und die Gefahr von Kriegen auf unserer Welt, in unserem Leben und in unseren Gemeinschaften. Weil sie dazu geschaffen wurden, massive und unterschiedslos Zerstörung zu verursachen, weil sie wertvolle Ressourcen abschöpfen, die zur Versorgung der menschlichen Bedürfnisse und zum Schutz unseres gemeinsamen Planeten benötigt werden, und weil sie ein globales System durchsetzen und aufrechterhalten, das auf Dominanz und unendlicher Gewalt beruht, widerspricht die Existenz von Atomwaffen grundlegend den Prinzipien jedes moralischen, religiösen und ethischen Systems, das das Leben wertschätzt.

 

 

 

Während viele unserer Leben und Vorstellungen weit entfernt sein mögen von den Erinnerungen an die „Hölle auf Erden“ und das Vermächtnis der Auswirkungen auf die Umwelt, der erschütternden Gesundheitszustände und Traumata, die durch eine Kernexplosion hervorgerufen wurden, haben die Auswirkungen der aktuellen globalen Gesundheitskrise uns allen einen Eindruck vermittelt, wie sich das Leben im Falle einer Atombombenexplosion verändern würde. Wie bei der COVID-19-Pandemie wären die gesundheitlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Folgen weder räumlich noch zeitlich begrenzt. Nukleartests und Unfälle haben gezeigt, dass sich die Strahlung in der Atmosphäre, den Meeren, Pflanzen, Tieren und der gesamten menschlichen Bevölkerung ausbreitet. Unsere Wirtschaftssysteme, Produktionsketten und der Anbau von Nahrungsmitteln würden schwerwiegend gestört werden.

 

 

 

Viele verweisen die Geschichten über die Schrecken dieser Zeit in unsere weit zurückliegende Vergangenheit, die sie nur dann wieder hervorholen, wenn bestimmte Führungspersönlichkeiten es für notwendig erachten, ihre Bürger und Bürgerinnen daran zu erinnern, was andere ihnen antun könnten, wenn sie ihr eigenes Nuklearpotenzial aufgeben. Aber wir werden das eindringliche Zeugnis derer, die von der Entwicklung, Erprobung und dem Einsatz von Atomwaffen beeinträchtigt wurden, nicht vergessen oder ignorieren. Wir setzen uns dafür ein, den Atomwaffen für immer ein Ende zu setzen, um die Hibakusha auf der ganzen Welt zu ehren und unsere Kinder, Enkel und zukünftigen Generationen davor zu bewahren, das zu erleben, was sie erlitten haben. Beim Aufbau einer Welt, in der Gleichheit, Frieden und Gerechtigkeit für alle im Überfluss vorhanden sind, gibt es in unserer gemeinsamen Zukunft keinen Platz für Atomwaffen.

 

 

 

Trotz der gemachten Zusagen – unter anderem im Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NVV) – haben die Kernwaffenstaaten ihre Atomwaffenarsenale beibehalten und ausgebaut, während andere Staaten bemüht sind, sich welche zu beschaffen.

 

 

 

Obwohl wir die Gefahren der heutigen Zeit mit klarem Blick erkennen, sind wir uns in unserem unerschütterlichen Glauben einig, dass ein Wandel zum Guten möglich ist – im Leben jedes Einzelnen und in unserer Welt. Wir wissen, dass die Menschen in Zeiten der Gefahr und Bedrohung zur Zusammenarbeit, zu kreativen Problemlösungen und zu gegenseitigem Vertrauen fähig sind. Die Existenz des Atomwaffensperrvertrags (NVV) selbst bekräftigt diese Hoffnung. Der NVV entstand in einer Zeit, in der die Angst vor einem Atomkrieg und das Misstrauen auf dem Höhepunkt waren, und er fungierte als ein Leitsignal, um die Nationen daran zu erinnern, dass internationale Zusammenarbeit möglich ist und dass die Sicherheit jeder einzelnen Nation nicht die Unsicherheit der anderen erfordert, sondern vielmehr von der Sicherheit aller abhängt. Wir befinden uns wieder in einem solchen Moment, in dem die Bekräftigung internationaler Normen und die Annahme des letztendlichen Versprechens des NVV – nämlich die Abschaffung – verwirklicht werden müssen.

 

 

 

Im Jahr 2017 rückte dieses Ziel der Abschaffung in greifbare Nähe, als die UNO den Atomwaffenverbotsvertragverabschiedete, in dem die vollständige Abschaffung aller Atomwaffen gefordert wird. Sobald 50 Staaten ihn ratifiziert haben, wird er in Kraft treten.

 

 

 

Wir fordern unsere Regierungen nachdrücklich auf, den 75. Jahrestages des einzigen Einsatzes von Atomwaffen in einem Konflikt als Chance zu nutzen, um sicherzustellen, dass diese unter keinen Umständen jemals wieder zum Einsatz kommen. Wir rufen alle Staaten auf, sich der wachsenden Gemeinschaft von Staaten anzuschließen, die Atomwaffen vollständig abgelehnt haben. Wir appellieren an Sie, den Atomwaffenverbotsvertrag zu ratifizieren.

 

 

 

Weitere Informationen und die Auflistung der Unterzeichnenden finden sich unter
https://www.oikoumene.org/de/resources/documents/joint-interfaith-statement-on-the-75-th-anniversary-of-the-atomic-bombings-of-hiroshima-and-nagasaki

 

 

 

 

 


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