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Atomausstieg / Brief an die Bundeskanzlerin

Frankfurt, den 31. März 2011

Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin,
anlässlich der atomaren Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima wenden wir uns mit dieser Stellungnahme direkt an Sie.

Wir sind in größter Sorge, dass auch in Deutschland ein Unfall - oder ein Sabotageakt - in einem Atomkraftwerk keine Frage der Möglichkeit, sondern nur eine Frage der Zeit sind. Sie haben bei uns vollen Rückhalt darin, und wir wollen Sie mit diesem Brief sehr darin bestärken, angesichts der Nicht-Beherrschbarkeit dieser Technik ab sofort

  • ein so genanntes „Restrisiko“ nicht länger in Kauf zu nehmen,
  • alle schon abgeschalteten Atommeiler nicht wieder ans Netz zu schließen,
  • für die restlichen Atomkraftwerke alle Möglichkeiten zu einem schnellstmöglichen Ausstieg zu prüfen und zu nutzen,
  • deutschlandweit nach vorher festgelegten Sicherheitskriterien nach einem Endlager für radioaktiven Müll zu suchen, um den größtmöglichen Schutz vor Verstrahlung zu erhalten
  • und den ökologisch und ethisch sinnvollen Ausbau regenerativer Energien mit aller Kraft zu unterstützen.

Das Einsetzen der Ethikkommission halten wir für eine gute Möglichkeit, aus der Mitte der Gesellschaft heraus verantwortlichen Stimmen Gehör zu verschaffen. Unsere Stimme wollen wir gerne auch mit einbringen und möchten Ihnen darlegen, warum wir als VEF/ BEFG den Ausstieg aus der Kernenergie befürworten:

Seit ca. 50 Jahren wurden und werden in Deutschland Forschungsreaktoren und Reaktoren zur Energiegewinnung betrieben. Die Strahlungsgefährdung durch den Normalbetrieb eines Atomkraftwerks mag trotz zahlreicher Studien noch umstritten sein, die verheerenden Folgen eines Unfalls oder die eines möglichen Sabotageaktes stehen dagegen jedermann vor Augen. Wir haben das Eintreten eines Störfalls von ähnlicher Tragweite wie den der Katastrophe in Tschernobyl (1986) in Fukushima – wenn auch nicht als Betroffene - erleben müssen und erinnern an die bereits eingetretenen und weltweit dokumentierten Beinah-Katastrophen im laufenden Betrieb von Atomkraftwerken. Katastrophal - aber denkbar - wäre ebenso die unkontrollierte Weitergabe von radioaktivem, waffenfähigem Material, das in die Hände von Terroristen gelangen könnte.

Als ein zentrales Problem sehen wir an, dass es auch nach einem halben Jahrhundert Atomkraftnutzung weltweit keinen Ort zur dauerhaft sicheren Lagerung des Atommülls gibt.

Wir meinen deshalb, dass alles unterlassen werden muss, was die Risiken der Atomkraftnutzung aufrecht erhält und Probleme verschärft, für die es ohnehin keine sicheren Lösungen gibt.

Zum jüdisch-christlichen Menschenbild gehört der Auftrag, die Erde zu "beherrschen". Diese Herrschaft schließt das demütige Anerkennen menschlicher Grenzen ein. Mit der Kernspaltung entfesselt der Mensch jedoch Kräfte, die von ihm nicht beherrschbar sind. Ebenso absurd erscheint uns der Gedanke einer Weitergabe von Verantwortung über 40.000 Generationen, die nötig wäre, um über einen Zeitraum von mehreren hunderttausend Jahren eine sichere Lagerung des Mülls zu gewährleisten. Wir bezweifeln, dass Menschen dazu in der Lage sind. Dennoch bleibt unsere Generation in der Pflicht, die sicherste Alternative zu finden.

Wir sind uns dessen bewusst, dass die Umsetzung unserer Bitten auch persönliche und allgemein gesellschaftliche Veränderungen im Lebensstil einschließen wird. Wir sind dazu bereit und ermutigen unsere Gemeinden, schon jetzt Konsequenzen zu ziehen.

Wir sichern Ihnen unsere volle Unterstützung darin zu, in Verantwortung vor Gott und den Menschen Ihre Position zur Energiepolitik grundlegend zu überprüfen.

Bitte bedenken Sie, dass schon jetzt noch keine Generation ihren Nachkommen eine derartige Hypothek hinterlassen hat, wie wir es mit unserem derzeitigen Aufkommen an Nuklearenergie tun, eine Belastung für die Zukunft, die beispiellos ist.

Mit freundlichen Grüßen
Bischöfin Rosemarie Wenner